Die unmögliche Geburt, Theorie

Meine klinische Erfahrung hat mich zur Feststellung geführt, dass eine Vielzahl von neurotischen Patienten an Störungen der Selbstwahrnehmung leiden, die sie mit (zeitlich) rückläufig körperlichen Erlebnissen ausdrücken: der Eindruck, durchsichtig zu sein; keinen Körper zu haben, der wirklich zu ihnen gehört; sich leicht und gleichzeitig sehr schwer zu fühlen; und insbesondere im Spiegel nicht ihr eigenes Gesicht zu erkennen, sondern dort das Gesicht der Mutter zu (hauptsächlich für Frauen relevant).

Man findet diese Verwirrung auch in häufigen Lapsus' (Sprachirrtümern) wie: "meine Mutter" anstelle von "meiner Großmutter", "mein Vater" als "mein Großvater" oder auch: "Ich bin mit 4 Jahren gestorben..." oder: "Ich werde geboren..." bei schwangeren Patientinnen.

Diese Umkehrung der Zeit der Genealogie wird oft bei schwangeren Frauen beobachtet und häufig bei Patienten der Bulimie. Letztere äußern ganz klar diese Eindrücke: "Das Gesicht, das ich in dem Spiegel sehe, ist das meiner Mutter." oder: "In dem Spiegel erkenne ich mich nicht unterhalb meiner Hüfte, weil mein Körper und mein Fett nicht zu mir gehören; sie gehören zu meiner Mutter!" oder auch: "Die Hand, die mich mit Zucker voll stopft, ist die meiner Mutter".
Außerdem ist diese "fusionelle" [1] Erfahrung bei Bulimie kranken Patienten auch mit einem Destruktionstrieb verbunden, den diese klar mit Worten ausdrücken wie: "Ich esse, um meine Mutter zu töten".

Die Gesamtheit dieser Verwirrungen rührt von der Dauer des "fusionellen" Bandes zwischen Mutter-Kind her.
Dieses "fusionelle" Band charakterisiert sich anhand von originären Fantasien, im Sinne: "ein Leben für zwei" und "ein Körper für zwei" und formt bei dem Kind die Wahrnehmung seines eigenen Körpers: was die Mutter nicht sieht, ist nicht fühlbar, ist nicht zu bezeichnen, "existiert also nicht".

Jeder Versuch der Selbstwerdung wird vom Kind als bedrohlich empfunden und imstande, es zum Tod oder zum Wahnsinn zu treiben.
Entsprechend meiner Hypothese behaupte ich, dass der Fötus unbewusst nach dem körperlich "fusionellen" Schema strukturiert ist, welches durch die Großmutter mit der Mutter organisiert ist, seit dem Beginn des fötalen Lebens.

Mit anderen Worten möchte ich sagen, dass die Wahrnehmung des eigenen Körpers des Kindes unbewusst durch die Großmutter strukturiert ist. Aber wenn, während der Schwangerschaft, die Frau das Gefühl wiederfindet, zum Körper der eigenen Mutter "zu gehören", empfindet sie in der Folge das Gefühl, zum Körper des Fötus "zu gehören", so dass der Fötus, in umgekehrter Weise, das Empfinden hat, zum Körper seiner Mutter und seiner Großmutter "zu gehören".

Dieser Prozess konstituiert die originäre Fantasie des "ungekehrten Baumes", das die spontanen Bilder der Patienten mit beigetragen haben, in eine Form zu bringen.

Mein Buch erklärt, wie die Mutter dazu kommt, unbewusst den ontogenetischen Prozess in Gang zu setzen, die gesamte Zeit der Schwangerschaft hinweg anhand eines Schemas der originären Fantasie (im Ursprung phylogenetisch, weil an Triebe der Selbsterhaltung gebunden); eine Phase, die als "ursprünglicher Abdruck" bezeichnet wird - einerseits, um das "fusionelle" Schema, das sie mit dem Kind formt, zu organisieren und andererseits, um unbewusst genau dieses von dem originären "fusionellen" Band zu lösen.

Tatsächlich habe ich klinisch nachweisen können, dass der ontogenetische Prozess sich auch nach der Geburt des Kindes weiter fortsetzt, ungefähr während der Zeit dreier Jahre; eine Phase, die als "primäre Spur" bezeichnet wird.
Während dieser Zeit der primären Spur verfolgt die Mutter unbewusst den Prozess der psychischen Verarbeitung, um sich von dem Gefühl zu befreien, dem Körper des Kindes anzugehören.
Es ist zu beobachten, dass dieses Gefühl, sehr stark nach der Geburt vorhanden, in der Intensität progressiv nachlässt (auf biologischem Niveau) - innerhalb dreier Phasen, die ungefähr ein Jahr lang dauern, bis das Kind eine Eigenständigkeit in der psychomotorischen Autonomie erreicht hat.

Diese hier aufgeführte Hypothese ist von folgender Grundidee untermauert: Wenn die Mutter, aus verschiedenen Gründen (an ihre Geschichte gebunden, an ihr Verlangen, an ihr eigenes Fötalleben, an ihre eigene körperliche Repräsentation, an ihr Leben, das sie durchläuft etc.) während ihrer Schwangerschaft es nicht schafft, die Modifikationen, gefühlt in ihrem Körper, wahrzunehmen und unbewusst den phylo-ontogenetischen Prozess, der im Gange ist, zu verarbeiten, anhand der originären Fantasien, dann provoziert sie eine Unordnung des körperlichen Schemas des Kindes.

Diese Funktionsstörungen werden der Grund für Probleme der Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers des Kindes sein und auch psychischer Verwirrungen, insbesondere aber die archaische Ursache von Phobien und Angstneurosen.

[1] Die Übersetzung fusionnel ist nicht mit symbiotisch gleichzusetzen, weshalb ich den Ausdruck aus dem Französischen in Anführungsstrichen übernehme, im Sinne: Verschmelzung.